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Porträt des Schulleiters von Michael Ohnewald (Stuttgarter Zeitung) in "Mensch Ludwigsburg" anlässlich 300 Jahre Ludwigsburg 2009.

Harald Häbich,

Neckarkapitän

An einem schönen Tag wie diesem riecht die Luft am Fluss nach Sommer. Wellen tanzen vor dem Schiffsbug. eine leichte Brise weht durchs Haar. Harald Häbich liebt solche Tage. Sie sind ein bisschen wie Urlaub.

Man muss dafür nicht ans Meer nach Saint Trapez fahren, der Neckar in Poppenweiler tut es auch. Harald Häbich hat hier seine Segel- und Motorsportschule. Seit zwanzig Jahren bildet er im ehemaligen Wasserkraftwerk Freizeitkapitäne vom schwäbischen Festland aus, auf das die bleichen Landratten nicht gleich bei ihrer ersten Fahrt Kieloben treiben.

Häbich hat den Knoten raus. Den Webeleinstek und den Schotsteg kann er im Schlaf. Das verlangt er auch von seinen Schülern. Fast 4000 Wassersportler aus der ganzen Region hat er im Laufe der Jahre geschult. Häbich ist ein strenger Lehrer. Wer den Schein will, der zur Fahrt auf dem Meer berechtigt, muss sich auskennen mit Zirkel, Seekarte und Kompass. Sicherheit geht vor bei Häbich. Seit Jahren kämpft er beim Bundesverkehrsministerium dafür, dass nicht Hinz und Kunz eine Motorbootschule eröffnen dürfen, sondern eine fundierte seemännische Ausbildung vorgeschrieben wird.

48,8 Grad Nord, 9,2 Grad Ost. Kapitän Häbich sitzt in seinem Schulungsraum in Ludwigsburg-Poppenweiler. Draußen zieht der Neckar friedlich dahin, drinnen erzählt der Hausherr von der Welt auf dem Wasser, die ihm lange nicht zugänglich war. In Botnang, wo er 1952 geboren ist, lag es nicht unbedingt nahe, sich mit Seezeichen, Leuchtfeuern und Ankerleinen zu befassen. Häbich wurde folglich nicht Kapitän, sondern Servicetechniker bei der Telekom.

Als sein Onkel Alfred 1980 eine kleine Segeljolle los haben wollte, hat sich Häbich das Ding aufs Auto gespannt und ist mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Jugoslawien gefahren. Seine ersten Ausflüge auf See ließen in ihm die Erkenntnis reifen, dass erstens sein Boot zu winzig für die Familie und zweitens sein Wissen zu klein fürs große Meer ist. Da hat Häbich seine Sunflower kurzerhand am schwarzen Brett des Campingplatzes ausgeschrieben und an einen unbedarften Urlauber verkauft, der recht gut genährt war und mit seiner korpulenten Frau und den Sprösslingen auf der ersten Tour beinahe abgesoffen wäre.

Als Häbich nach Hause kam, hatte es ihn gepackt. Um das Abenteuer Segeln unbeschadet zu bestehen, machte er sogleich am Ammersee einen Kurs und den entsprechenden Schein. Dass sich der Neue dabei so gut anstellen würde, dass ihn die Kollegen der Akademischen Segler Vereinigung Stuttgart auf Anhieb ins Ausbilder Team aufnehmen, war nicht vorherzusehen. Fünf Jahre hat der Telekom-Mann in seiner Freizeit am Ammersee die Kunst des Segelns gelehrt, ehe er einen anderen Kurs steuerte.

1989 gründete der Kapitän seine eigene Schule, die er nebenberuflich führte und für die er selbst büffeln musste. Beim Topsegler Klaus Enzmann ließ sich Häbich zum Segellehrer und Schulleiter ausbilden.

Lange her ist das. Inzwischen ist Häbich im Vorruhestand und widmet sich fast ausschließlich dem Seglernachwuchs und den Sportbootführerschein ­Anwärtern, die sich für den Sommer vor­genommen haben, die Häfen in Sirmione und Monaco von seewärts anzufahren.

Sieben Lehrer unterstützen den Chef, einer von ihnen hat früher die größten Tanker der Welt über die Ozeane gesteuert. Weil der Apfel bekanntlich nicht weit vom Stamm fällt, ist Häbichs Sohn Steffen, der gerne und oft in der Poppenweiler Segelschule mitgearbeitet hat, inzwischen als Leiter des Bereichs Grenzverkehr und Sportschifffahrt beim ADAC in München gelandet. Auch der Enkel Lukas fühlt sich vom Wasser angezogen. Wenn Opa Harald mit dem Schulschiff hinunter nach Lauffen schippert, ist der Bub meistens dabei.

Der Neckar hat es Häbich angetan. Neulich hat er für den ADAC-Verlag die Häfen und Marinas zwischen Plochingen und Heidelberg begutachtet und sich mit den örtlichen Wassersportclubs ausgetauscht. "Wir haben unglaublich viel zu bieten auf dem Neckar", sagt der Kapitän. "Nur leider haben das die meisten Städte in der Region noch nicht erkannt."

Wer wisse schon, dass man mit dem Hausboot bequem in Neckarrems anlegen kann und von dort direkt mit dem Bus bis nach Ludwigsburg kommt. "Die Stadt ist klasse", sagt Häbich. "Und die Leute, die mit dem Boot kommen, gehen gerne essen und geben dort ihr Geld aus."

Als Seebär hat Häbich nichts gegen festen Boden unter den Füßen. Fast jeden Tag dreht er als Blüba-Dauerkartenbesitzer seine Runde zwischen Favoritepark, Schloss und City. "Da kriege ich den Kopf frei." Danach geht es zum Neckar, ohne den er nicht denkbar ist.

Am Abend gibt der Chef wieder Fahrkurse auf dem Neckar. Wie immer wirft er die gefürchtete Schwimmstange in die erdbraunen Fluten, während die schwitzenden Novizen am Steuer den vorgegebenen Kurs halten. "Mann über Bord, an Backbord!", hallt es dann übers Deck. Kuppelt der Steuermann nicht sofort aus und bugsiert das Heck des Motorboots weg von der Stange, wäre er durchgefallen. Die Regeln sind streng, Harald Häbich ist strenger. Er bereitet die Binnenländer nicht nur auf ihre Prüfung vor, sondern auch auf die raue See, die ihre eigenen Manöver fährt.

In den Ferien ist auch sein Enkel dabei. "Ich will eigentlich Fußballprofi werden", hat Lukas unlängst zu seinem Großvater gesagt. "Wenn es nicht klappt, übernehme' ich halt deine Schule und fahr' Boot auf dem Neckar."